Freitag, 15. September 2023

Altkreis-Tagebuch (66)

Haustür mit neuem Schloss.
Foto: Heinz-Peter Tjaden 

Love is in the air

Kurz nach acht taucht Hausmeister Klaus D. mit Schlossexperten aus dem Rathaus in der Unterkunft Drei Eichen auf, zuerst wird das Schloss der Haustür ausgetauscht, die Anwesenden bekommen neue Schlüssel. Dann bittet der Hausmeister auf höchst charmante Weise das verlorene Mädchen aus dem Zimmer, in dem sie nachts Zuflucht gesucht hat: "Raus aus dem Zimmer." Auch das Schloss des Zimmers, in dem der Psychopath gewohnt hat, wird ausgetauscht.

"Es bleibt erst einmal alles beim Alten. Die Haustür wird Tag und Nacht geschlossen gehalten", sagt Klaus D. Mehr nicht. Ob der Psychopath jemals wieder in die Unterkunft darf, hätte uns durchaus interessiert. 

"Nun herrscht am Wochenende erst einmal Ruhe", hofft Rentner Helmut (79), für den ich wieder eine "Bild"-Zeitung mitbringen soll. 

Bedauern wird, was heute Morgen geschehen ist, der schlagfertige Mitbewohner V., den alle den "Cowboy" nennen. Er hätte sich so gern mit dem Psychopathen geprügelt. Zweimal lauerte er ihm schon im Gemeinschaftsraum auf-vergeblich, ich schwinge den Besen, bevor ich nach Hannover fahre. Wischen werde ich heute Abend.

Donnerstag, 14. September 2023

Altkreis-Tagebuch (65)

Erschienen bei
Amazon.

Montags so-mittwochs anders: Hausmeister Klaus D. 

Montag gegen 8 Uhr hat Hausmeister Klaus D. dem Psychopathen mit Rauswurf gedroht, wenn er weiterhin die anderen Heimbewohner belästigt, verfolgt und bedroht. "Dann mache ich von meinem Hausrecht Gebrauch", sagte er in meinem Beisein. 

Danach verfolgte mich der Psychopath bis zur Wäscheleine, an der ich meine T-Shirts aufhängte. Abends berichtete mir Herr G. aus Polen, der mit einem Rumänen ein Zimmer teilt, der Psychopath sei in das Zimmer gekommen, habe sich zu G. auf das Bett gesetzt und merkwürdige Laute von sich gegeben. 

Heute Morgen behauptete Hausmeister Klaus D., er dürfe niemanden aus der Unterkunft Drei Eichen werfen. Der Psychopath bekomme ein anderes Zimmer im ersten Stock des Aufgangs 1 A. Das liegt neben dem Zimmer, in dem V. wohnt, der kürzlich das verlorene Mädchen L. beschimpft hat, und der auch schon einen Heimbewohner niederschlug. Wenn V. betrunken ist, kann er unberechenbar werden. 

Bevor ich zur Bushaltestelle ging, um nach Hannover zu fahren, tauchte eine Betreuerin des verlorenen Mädchens auf, die ihren Angaben zufolge noch nicht lange für die Lebenshilfe in Burgdorf arbeitet. Sie versprach mir, dass man sich für L. nach einer anderen Unterbringungsmöglichkeit umsehe. "Wir bemühen uns", sagte sie. 

Wie hoffentlich auch die Staatsanwaltschaft Hildesheim, der ein Strafantrag von mir vorliegt, den ich gern mündlich noch ausführlich erläutere. 

L. saß auf den Stufen vor unserem Aufgang, als ich mit der neuen Mitarbeiterin der Lebenshilfe sprach. Jeder Blick war ein Hilferuf. 

13.10 Uhr. Die Personalabteilung der Burgdorfer Polizei hat mir soeben mitgeteilt, dass der Revierleiter meinen Online-Strafantrag zur weiteren Bearbeitung an die Einsatz-Abteilung weitergeleitet hat. Man werde sich wieder bei mir melden, sobald die internen Befragungen abgeschlossen sind. 

14.05 Uhr. Ich habe soeben beim Ordnungsamt den Antrag gestellt, das Zimmer, das ich seit dem 1. September 2023 ohne die üblichen Formalitäten habe, weiterhin allein nutzen zu dürfen, um dem verlorenen Mädchen jederzeit Schutz anbieten zu können. 

Wieder ein Polizeieinsatz

14. September 2023. Der Psychopath hat heute Nacht einen weiteren Polizeieinsatz ausgelöst. Es war hoffentlich der Letzte. In meinem Zimmer wohne ich wohl weiter allein. 

Dienstag, 12. September 2023

Altkreis-Tagebuch (64)

Über den richtigen Umgang mit Psychopathen

Kein Mitgefühl, kein soziales Verantwortungsgefühl, kein Gewissen: Fertig ist der Psychopath. Für den Umgang mit solchen gestörten Persönlichkeiten entwickeln derzeit das Ordnungsamt und die sozialen Dienste der Kleinstadt Burgdorf eine sensationelle Handlungsanweisung im zudem großen Stil. 

Ort der Feldstudie: Obdachlosenheim Drei Eichen in Burgdorf

Personenkreis: Heimbewohner, Psychopath, Hausmeister

Erster Versuch: Bei diesem Versuch geht es darum, den Psychopathen zu stärken und die Heimbewohner und den Hausmeister zu schwächen. Einen nicht zu unterschätzenden Handlungsspielraum hat dabei der Hausmeister, der sich nicht nur häufiger auf dem Versuchsfeld tummelt als beispielsweise der Bürgermeister, der Sozialdezernent, die Abteilungsleiter der sozialen Dienste und des Ordnungsamtes der Kleinstadt, sondern sich deswegen auch schaden kann wie kein anderer. 

Erster Schritt: Der Hausmeister und der Psychopath richten gemeinsam ein Zimmer für den Psychopathen ein. Wichtig ist die Lage des Zimmers. Empfohlen wird eine zentrale Lage, da Ereignisse an der Peripherie leicht in ihrer Wirkung verpuffen können. Selbsterlebtes ist nachhaltiger als Hörensagen. 

Hausmeister und Psychopath verlassen vorübergehend die Szene. Der Hausmeister hinterlässt vage Andeutungen über die Gefährlichkeit des neuen Heimbewohners. Auf diese Weise werden bei den Heimbewohnern Unsicherheit, bange Erwartung und innere Ablehnung geweckt, die wichtig sind für den angestrebten Triumph des Psychopathen. 

Zweiter Schritt: Im Zimmer tut sich tagelang nur dies: In einer Einkaufstüte, die Psychopath und Hausmeister in dem Zimmer aufbewahren, vergammeln Lebensmittel. Der Geruch soll die Heimbewohner daran erinnern, dass ihnen noch so einiges bevorsteht. Er führt aber auch dazu, dass der Hausmeister nie wieder eine Autorität bei Fragen der Sauberkeit und Ordnung sein wird. Dieser Effekt ist durchaus gewollt, denn letzten Endes muss auch der Hausmeister geschwächt werden. Dazu kann er selbst noch viel mehr beitragen, was noch zu beweisen ist. 

Einschub: In diesem Stadium muss den Heimbewohnern immer wieder bewusst gemacht werden, dass sie das schwächste Glied sein werden. Begriffe wie "Einweisungsverfügung", "Notunterkunft" und "Aufwandsentschädigung" haben sich bewährt. 

Dritter Schritt: Der Psychopath taucht unerwartet auf, hinterlässt unübersehbare Spuren seiner Anwesenheit und verschwindet wieder. Weitere Tage vergehen. Das Ordnungsamt teilt dem Psychopathen mit, dass er sich melden solle, sonst müsse er am 4. September 2023 die Schlüssel wieder abgeben. Das wirkt. Um zu zeigen, wer das Sagen hat, kehrt er am 5. September 2023 zurück und bewacht, was er für sein Reich hält. Dieses Reich dehnt er aus. Zugute kommt ihm dabei, dass er diese Ausdehnung von einem zentralen Punkt aus bewerkstelligen kann. Wir lernen also, wie wichtig Standorte sein können. 

Vierter Schritt: Der Hausmeister schaltet sich ein. Er zitiert den Psychopathen in sein Büro, doch der bewacht lieber sein Reich. Der Hausmeister geht in Wartestellung, kann in ihr aber nicht verharren, weil sich ein Heimbewohner beschwert. Der Hausmeister sucht die Konfrontation mit dem Psychopathen und kündigt an, dass der Psychopath nach dem Wochenende ein neues Zimmer bekommt oder verschwinden muss. Nun muss der Psychopath alle Kräfte mobilisieren. Er terrorisiert die Heimbewohner auch nachts. 

Fünfter Schritt: Der Triumph des Psychopathen wird perfekt. Er muss nach dem Wochenende kein neues Zimmer beziehen. Gehen muss er schon lange nicht. Der Hausmeister verkündet gegenüber den Heimbewohnern nicht nachvollziehbare Gründe für neue Zimmerbelegungen, der Psychopath glänzt so lange mit Abwesenheit, um 23 Uhr macht er aus seinem Reich eine Disco, Heimbewohner, die am nächsten Morgen das Haus verlassen, ohne zu wissen, wo sie in der nächsten Nacht schlafen werden, begleitet der Psychopath, bis sie weit genug weg sind. Den Hausmeister muss er nicht fürchten, Psychopathen fürchten nie etwas. Ein Heim, ein Psychopath, ein Triumphator.