Dienstag, 29. August 2023

Altkreis-Tagebuch (57)

Blick aus meinem Hotelzimmer.
Foto: Heinz-Peter Tjaden

Nicht einmal Schimmel an den Wänden

Heute Nacht habe ich Unterschlupf im Hotel Hennies in Altwarmbüchen gefunden. Es ist ein toller Unterschlupf, sogar im Zimmer gibt es keinen Schimmel, die Matratze schont den Rücken, das Gebäude ist fantastisch. Bei der Anmeldung haben sich die beiden sehr netten Damen beim Zimmerpreis herunterhandeln lassen. Auf 65 Euro. 

Meine mails an die sozialen Dienste und das Ordnungsamt von Burgdorf, ob ich bei meiner Rückkehr wieder in Sicherheit wäre, sind nicht beantwortet worden. Das Geschehen noch einmal in aller Kürze: Hausmeister Klaus D. kündigt am 17. August mit den Worten "Der ist mit Vorsicht zu genießen" einen neuen Mieter an. Untergebracht werden soll er in dem Zimmer, das an den Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss angrenzt. 

Ich versuche Klaus D. anzurufen, um zu erfahren, wie wir uns verhalten sollen. Wieder meldet sich nur sein Anrufbeantworter. Auch später bekomme ich keine Antwort. Die Tür zum Zimmer des etwa 30-Jährigen steht tagelang offen. Ich weise Klaus D. darauf hin, dass sich im Zimmer eine Tüte mit verderblichen Lebensmitteln befindet. Er kümmert sich auch darum nicht.

Vor einer Woche kommt ein neuer Mieter. Er bezieht aber nicht das Zimmer mit der offenen Tür, sondern eins im ersten Stock unseres Aufgangs 1 A in der Unterkunft drei Eichen. Er stammt aus Dresden und ist nett. Hat der Hausmeister wieder einmal nur einen seiner dummen Sprüche gemacht? Kurz darauf wird das immer noch freie Zimmer im Erdgeschoss wieder abgeschlossen. Bis am Samstag drei Brüder auftauchen. Ob sie das Wort "Bruder" im verwandtschaftlichen oder im religiösen Sinn gebrauchen, weiß ich nicht. Der Schlüssel, den sie dabei haben, passt zum freien Zimmer. Der etwa 30-Jährige zieht ein und verhält sich sofort sehr merkwürdig. 

Am Sonntag lässt er mich zum Frühstück nicht in den Gemeinschaftsraum, abends sehe ich keine andere Möglichkeit mehr, als mich aus dem Staub zu machen. Ich übernachte in einem Hotel in Burgdorf, da meine mails vom Montag nicht beantwortet werden, bin ich jetzt im Hotel Hennies, das ich um 11 Uhr wieder verlassen muss. 

Festzustellen bleibt: Mit der Zimmerbelegung provoziert das Ordnungsamt von Burgdorf nicht zum ersten Mal Konflikte, die handgreiflich enden können. Statt mögliche Konfliktparteien in der Unterkunft so weit wie möglich voneinander entfernt unterzubringen, macht man das Gegenteil. Und hier werden psychisch kranke Menschen untergebracht, die dringend Hilfe brauchen, sie aber nicht bekommen. 

Ich hoffe, Burgdorf erstattet mir die Hotelkosten. Oder bekäme ich nur dann eine Erstattung, wenn ich in verschimmelten Räumen Zuflucht gefunden hätte?

Hannover macht fröhlich

"Das ist aber ganz schön clever von ihm."

Sagt ein Heimbewohner, den ich bei ReWe in Burgdorf treffe.

Wer für so clever gehalten wird, dazu kommen wir gleich.

Ich verlasse um 11 Uhr das Hotel Hennies in Altwarmbüchen und fahre nach Burgdorf. Dort angekommen, rufe ich den Hausmeister Klaus D. an, um zu erfahren, ob für mich nach den Vorfällen am Samstag und Sonntag noch Gefahr in der Unterkunft Drei Eichen besteht. Er meldet sich.

"Ich bin seit Freitag krank. Ich habe keine Informationen." 

 Nun wieder der Heimbewohner.

"Nun kann er sagen, dass er mit allem nichts zu tun hat. Denn während deiner Abwesenheit hat es mehrere Polizeieinsätze gegeben. Der Neue hat auch noch einen Nachbarn aufgefordert, ihm sein neues Auto zu geben. Außerdem kam es zu Schlägereien."

Da ich von dem Hausmeister keine Antwort bekomme(n) kann, versuche ich es bei der zuständigen Mitarbeiterin des Ordnungsamtes. Bei ihr läuft nur ein Band. Von der Tageswohnung des Diakonischen Werkes lasse ich mir die Telefonnummer der ebenfalls zuständigen Mitarbeiterin B. der sozialen Dienste geben. Die kommt mir mit der Unterbringungspflicht der Gemeinde, dass ich kein Zimmer habe, erstaunt sie angeblich, ein abschließbares Zimmer könne sie mir erst in zwei, drei Tagen geben. Man wisse noch nicht so genau, wie viele Zwangsräumungen es in nächster Zeit geben werde.

Ich weise sie auf meine Grundrechte hin und dass derzeit in unserem Aufgang zwei Zimmer frei sind. Doch das stimmt sie nicht um. Beim ehemaligen Bürgermeister Alfred Baxmann hinterlasse ich meinen Bericht über die jüngsten Ereignisse. Er ist zu der Zeit unterwegs. Als mir jemand berichtet, dass die psychisch kranke Frau L. aus der Unterkunft verschwunden sei, rufe ich B. noch einmal an. Sie meint, dazu habe L. das Recht. 

Nun bin ich in Hannover, habe in der Stadtbahn zum Waterlooplatz ein bildhübsches Mädchen kennengelernt, dessen Vater 83 ist. An keiner Haltestelle bin ich Ohren- oder Augenzeuge von Schlägereien und wüsten verbalen Schlachten geworden (erlebe ich in Burgdorf inzwischen fast täglich, obwohl ich meistens in Hannover bin). Hier fühle ich mich so wohl wie auf Madeira.

Ich weiß inzwischen, das L. mich nach den Vorfällen vom Wochenende vermisst hat. Nun erholt sie sich im Schlaf, wenn sie wach wird, habe ich ein Geschenk für sie. 

Freitag, 25. August 2023

Altkreis-Tagebuch (56)

 Foto: Westdeutsche Zeitung.

Gut betreut am Container

Das verlorene Mädchen L. wird von der Lebenshilfe Peine-Burgdorf gut betreut. Davon geht die Verwaltung dieser Organisation in einer mail an mich aus. Wollen wir doch mal sehen, und zwar an einem Abend in der Unterkunft Drei Eichen in Burgdorf.

"Kannst du mir das machen?", kommt L. in den Gemeinschaftsraum.

"Zeig mal."

Die Spaghetti-Verpackung mit Fertigsoße und Gewürzen ist dreckig. 

"Wo hast du das her?"

"Aus einem Container."

"Ich habe dir Sauerkraut mit Kartoffelbrei und Bratwürsten mitgebracht. Iss das lieber. Und danach bekommst du einen Schokoladenpudding."

"Der ist lecker."

Containern geistert immer wieder durch die Gerichtssäle. Man wird sich nicht so ganz einig, ob Frauen und Männer, die weggeworfene Lebensmittel aus Containern holen, bestraft werden sollen oder nicht. Die meisten Richterinnen und Richter entscheiden sich für Bestrafung. Wenn die Container hinter Zäunen stehen, fällt die Strafe höher aus als bei frei zugänglichen Abfallbehältern. 


Mittwoch, 23. August 2023

Altkreis-Tagebuch (55)

Keine Mitarbeiterin-eine Betreute

Lebenshilfe Peine-Burgdorf GmbH
Am Berkhopen 3
31234 Edemissen

Betr. Einladung zum Jubiläumsfest vom 24. Mai 2023, gerichtet an L. M. R.

Sehr geehrte Frau Wagener,

Sie feiern am 1. September 2023 das 50-jährige Bestehen der Lebenshilfe in Edemissen und haben zu diesem Fest Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ihrer Organisation eingeladen, die bis zum 15. Juni 2023 mitteilen sollten, wie viele betreute Personen sie mitbringen werden, um die Fahrdienste organisieren zu können. 

Diese Einladung hat dieser Tage auch L. M. R. erreicht, die Adresse lautet Drei Eichen 1, Burgdorf. Dabei handelt es sich um die Adresse der städtischen Notunterkunft. Dort hat dieses junge Mädchen ein Zimmer. Ich wohne nebenan im Aufgang 1 A. Betreut wird diese Frau, die von inneren Stimmen geplagt wird, sehr unzulänglich. Einmal in der Woche erscheint Berichten eines Heimbewohners zufolge eine Dame, die L. Wassereis mitbringt und mit Zigaretten versorgt. Ich vermute, dass diese Dame von der Lebenshilfe Peine-Burgdorf kommt. Bei der anderen angeblichen Mitarbeiterin der Lebenshilfe handelt es sich also um eine betreute Person. 

Warum diese Einladung derart verspätet angekommen ist, weiß ich so wenig wie es zu der Verwechslung einer Betreuten mit einer Betreuerin kommen kann. L. sucht seiner einiger Zeit den Kontakt mit einem weiteren Heimbewohner und mir. In meiner Gegenwart meldet sich die innere Stimme, die von L. Eta genannt wird, nicht mehr. Wir geben ihr zu essen und zu trinken. Auf die Gegenwart einer psychisch kranken Frau ist niemand in der Notunterkunft vorbereitet worden. Zum Glück verfüge ich als Redakteur und Schriftsteller über Grundkenntnisse auf diesem Gebiet.

Bei Spielen, die ich mit L. mache, bekomme ich den Eindruck, dass auch bei ihr geschieht, was bei psychologischen Tests geschehen kann: mindere Intelligenz und sehr hohe Intelligenz werden miteinander verwechselt. Ich bin noch bis zum 7. November 2023 in der Unterkunft, den sozialpsychiatrischen Dienst der Region Hannover habe ich bereits informiert. Andere Stellen verschanzen sich hinter "Das Problem kennen wir. Sie hat einen Betreuer. Uns sind die Hände gebunden". Ich werde auch weiterhin über zwei Hände verfügen.

Mit freundlichen Grüßen

Heinz-Peter Tjaden

www.obdachlos.info                                                                                                                                   22. August 2023

Lebenshilfe antwortet

23. August 2023.  Frau Wagener hat mir geantwortet. Als Mitarbeiterin der Verwalterin kenne sie L. M. R. nicht, werde meine mail aber im Hause weiterleiten. Mit dem verlorenen Mädchen habe ich gestern einen sehr entspannten Abend verbracht. So ausgeglichen war sie in meiner Gegenwart noch nie.  Angeblich kommt morgen ihre Betreuerin und fährt mit ihr nach Celle zum Einkaufen. Ein bisschen Geld soll sie, so L. M. R., auch bekommen. Deswegen haben wir schon einmal einen gemeinsamen Ausflug geplant. 

Montag, 21. August 2023

Altkreis-Tagebuch (54)

Die Fruchtfliegen sind müde.
Foto: Heinz-Peter Tjaden

Seltsame Einladung der Lebenshilfe: Wen betreut das verlorene Mädchen?

Die Fruchtfliegen schwirren nun vor dem Büro von Hausmeister Klaus D. herum, denn die Tüte mit Lebensmitteln u. a., die der von Klaus D. vor einer Woche angekündigte neue Mieter im Zimmer neben dem Gemeinschaftsraum hinterlassen hat, schleppte ich heute Morgen von unserem Aufgang 1 A zum Aufgang 1. Gesichtet wurde dieser mit Vorsicht zu Genießende von niemandem. Angekündigt worden war er vom Hausmeister einem Heimbewohner zufolge mit den Worten "Der ist mit Vorsicht zu genießen". Klaus D., der täglich zweimal zur Unterkunft Drei Eichen radelt, kümmerte sich offenbar weder darum, dass die Zimmertür meistens offen stand, die Tüte übersah er wohl ebenfalls geflissentlich. Den neuen Mieter vermisste er augenscheinlich auch nicht so besonders.

Zu den nicht Vermissten hat an diesem Wochenende auch Eta gehört. Diese innere Stimme, die das verlorene Mädchen belästigt, schwieg, wenn L. mit mir an einem Tisch saß oder sich im Gemeinschaftsraum ausruhte. L. heißt sie wirklich, die Namen A., K. und T. hört sie hin und wieder zwar lieber, aber auf einer Einladung zu einem Jubiläumsfest der Lebenshilfe Peine-Burgdorf steht ihr tatsächlicher Name: L. M. R. Diese Einladung ist seltsam. 

L. wird in dieser Einladung mit "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Angehörige" angesprochen. Sie soll mitteilen, wen sie als Betreuerin am 1. September nach Edemissen mitbringt. Für ihre Schützlinge soll ein Fahrdienst eingerichtet werden. Warum geht die Lebenshilfe Peine-Burgdorf in diesem Schreiben davon aus, dass L. M. R. zum Betreuerteam gehört? Wie ich von diesem Brief erfahren habe? Am Samstag bat mich L. um Hilfe, weil sie ihr Zimmer nicht mehr aufschließen konnte. Halb in den Flur ragte unter der Tür eine weißer Umschlag. L. wollte den Brief nicht öffnen. Ich bekam ihn. Nun wird es noch seltsamer: Die Einladung ist am 24. Mai 2023 verfasst worden, von der Lebenshilfe abgestempelt wurde er am 1. Juni 2023. 

Mail an Lebenshilfe Peine-Burgdorf

Samstag, 19. August 2023

Einschub (III)


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Weinkrämpfe
Das verlorene Mädchen

Gewalt
Mit Faustschlag niedergestreckt

Kein Gestank mehr
Wasserverbrauch in Hannover steigt nicht

Wilde Müllkippe
Wenn eine Kartoffel aus dem Fenster fliegt

Angemessene Zeit
Ende Juli Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte

Lehnt an der Hauswand
Das Geheimnis der dreckigen Matratze

Stundenlohn 6 Euro
Hungerlohn für Obdachlosen

Sonntags immer
Der Graf sonnt sich und schaut mir zu

Wutanfall
Verlorenes Mädchen hasst alle

Schock im Gemeinschaftsraum
Hausmeister räumt auf

Kissenschlacht
Sonntags kommt der Hausmeister auch

Keine Wühlerei im Müll
Service für Bettler und Obdachlose

Helmut staunt
Und neuer Bewohner sehr sympathisch

Viele Vornamen
Toastbrot nach dem Filmabend

Antwort auf mail
Endlich Hilfe für verlorenes Mädchen?

Das erste Lächeln
Und der überaus weise Hausmeister

Tüte mit Lebensmitteln
Die Unterkunft der satten Fliegen


Altkreis-Tagebuch (53)


Blick vom 
Gemeinschaftsraum
aus. Foto: Tjaden
Vergeblicher Versuch, dem Hausmeister seine Weisheit zu entreißen/Das Lächeln des verlorenen Mädchens

17. August 2023. „Der ist mit Vorsicht zu genießen.“

Mit diesen Worten soll Hausmeister Klaus D.  gestern zumindest einen Bewohner der städtischen Unterkunft Drei Eichen in Burgdorf  auf einen neuen Bewohner eingestimmt haben.

Als ich abends in die Unterkunft komme, steht im Gemeinschaftsraum die Tür zum Zimmer des Neuankömmlings offen, das Licht brennt, eine Tüte mit Habseligkeiten befindet sich vor dem Bett. Im Gemeinschaftsraum entdecke ich eine Winterjacke. 

Da ich von Bertolt Brecht gelernt habe, dass man dem Weisen seine Weisheit entreißen soll, spreche ich Klaus D. auf den Anrufbeantworter und frage ihn, was der oben erwähnte Satz für uns in der Unterkunft zu bedeuten hat. Ich erkundige mich, ob der angeblich mit Vorsicht zu Genießende einen Schlüssel für die Haustür und für das Zimmer hat, das man nur vom Gemeinschaftsraum aus erreichen kann. Müssen wir etwa damit rechnen, dass er irgendwann nachts auftaucht und Randale macht? Und wenn er so ungenießbar ist, warum bekommt er dann nicht ein Zimmer abseits des täglichen Geschehens? Auf der anderen Seite des Treppenhauses beispielsweise ist eins frei. 

Danach verbringe ich mit dem verlorenen Mädchen einen gemütlichen Abend im Gemeinschaftsraum. Sie bekommt etwas zu essen, sie legt sich auf die Matratze, die ich für sie stets unter das Fenster lege, ausnahmsweise ruht sie sich nicht für mich unsichtbar aus, sondern sichtbar. Sie beobachtet mich, die üblichen Angriffe ihrer inneren Stimme Eta bleiben aus. Zum ersten Mal lächelt sie. Kurz nach 21 Uhr geht sie. 

„Schade, dass du nicht hier bleibst“, sagt sie. 

Am nächsten Morgen ist das Bild im Gemeinschaftsraum unverändert: offene Tür, brennendes Licht, Tüte mit Habseligkeiten. 

Nun sitze ich in der Landesbibliothek von Hannover, es ist 11.40 Uhr. Klaus D. hat nicht zurückgerufen. Damit rechne ich auch nicht. Der hat seine Weisheiten noch nie gern geteilt. 

In 82 Tagen fliege ich nach Madeira.

Dazu stellen sich mir diese Fragen:

Ist dem neuen Bewohner die Hausordnung und das Hygienekonzept der Stadt ausgehändigt worden? Ich musste diese beiden Dokumente anfordern, bevor ich sie bekam. Erst anschließend wurde im Treppenhaus ein Brett angebracht, an dem Hausordnung und Hygienekonzept hängen, aber von niemandem gelesen werden. 

Hat sich der neue Bewohner bereits der nach Angaben des Ordnungsamtes "unabdingbaren" Tuberkulose-Untersuchung unterzogen? Meines Wissens bin ich in der Unterkunft einer der wenigen, die deswegen beim Gesundheitsamt in Hannover gewesen ist.

Beim Einzug habe ich erst nach längerer Zeit den Haustürschlüssel und den Zimmerschlüssel bekommen. Den Empfang quittieren musste ich nicht. Ist das immer noch so? Kursieren in Burgdorf bereits mehrere nicht zurückgegebene Schlüssel, denn es gibt auch Bewohner, die Knall auf Fall wieder gehen. 

Warum wird bei der Zimmerverteilung nicht darauf geachtet, dass der häusliche Frieden einigermaßen erhalten bleibt und warum werden meine Wünsche hinsichtlich Zimmer ignoriert?

Wann wird der Schimmel im Haus beseitigt?

Unterkunft der satten Fliegen

19. August 2023. Ich habe heute diese Nachricht an das "Sozial"amt und das Ordnungsamt der Stadt Burgdorf verfasst und in den Briefkasten des Alten Rathauses gesteckt. Eine Kopie bekam der "Anzeiger für Burgdorf": 

Wir haben einen neuen Mieter, der am 14. August eingezogen ist. Gesehen habe ich ihn noch nicht. Die Zimmertür ist offen. Im Zimmer steht eine Tüte, in der sich auch Lebensmittel befinden. Die Fliegen kommen schon. Dem Hausmeister D. habe ich schon am 16. August auf den AB gesprochen. Er reagiert nicht. 



Mittwoch, 16. August 2023

Altkreis-Tagebuch (52)

Der Gemeinschaftsraum
im Aufgang 1 A.
Foto: Heinz-Peter Tjaden

Hilfe für das verlorene Mädchen?

Bekommt das verlorene Mädchen endlich Hilfe? Der sozialpsychiatrische Dienst der Region Hannover hat umgehend auf eine mail von mir reagiert, in der ich meine Erfahrungen mit Anja schildere. Offenbar kennt man dort ihre Geschichte noch gar nicht. Was mir völlig unverständlich ist. Wie nur ist Anja im Obdachlosenasyl Drei Eichen gelandet.

Gestern Abend hat sie im Gemeinschaftsraum wieder auf mich gewartet. Dieses Mal aber nicht irgendwie verschämt, sie saß so am Tisch, dass sie die Eingangstür im Blick hatte. Mit Hilfe des polnischen Bewohners brutzelte ich für sie Chicken wings, von denen Herr Grotzki ein paar ab bekam. Sie hatte bis dahin noch nichts gegessen. Zum ersten Mal ließ sie sich auch einen Schokoladenpudding und Kekse schmecken, die sie bisher immer abgelehnt hatte. 

Eingebildete Stimmen hörte sie an diesem Abend nicht. Wir sahen uns Fotos auf meinem Laptop an, ich zeichnete für sie das "Haus des Nikolaus", das sie nachzeichnete. "Das ist aber schwierig", sagte sie, bekam das Haus aber hin. Dann schlug ich ihr ein Würfelspiel vor. Doch das war inzwischen gestohlen worden. 

Das Zimmer neben dem Gemeinschaftsraum, in dem ich einige meiner Sachen gelagert habe, bis der Hausmeister sie dort in meiner Abwesenheit weg schaffte und im Gemeinschaftsraum stapelte, ist übrigens immer noch frei. Die sozialen Dienste hüllen sich weiter in Schweigen. Dass mir jetzt wieder Sachen aus dem Gemeinschaftsraum gestohlen werden, nehmen die billigend in Kauf. 

19. August 2021. Ich habe heute eine Nachricht an das "Sozial"amt und das Ordnungsamt der Stadt Burgdorf verfasst und in den Briefkasten des Alten Rathauses gesteckt. Eine Kopie bekam der "Anzeiger für Burgdorf". Klick zu meiner Nachricht: 

So weise ist unser Hausmeister

Freitag, 11. August 2023

Altkreis-Tagebuch (51)

In diesem Krimi
habe ich auch
meine Erlebnisse
mit einer multiplen
Persönlichkeit
verarbeitet. 
Das verlorene Mädchen mit den vielen Vornamen

Filmabend bei Helmut am Mittwochabend: Um 21 Uhr kommt das verlorene Mädchen L., das inzwischen A. heißt und für Helmut sogar schon K., in den Gemeinschaftsraum unseres Aufganges. Sie fragt mich, ob sie Brot toasten darf, ich frage sie, ob sie Margarine und einen Brotaufstrich braucht.

"Ja. Ich  habe Hunger", sagt sie.

"Geht so", sagt sie zu dem Film, den sie mit Helmut in seinem Zimmer gesehen hat. 

Sie isst das Toastbrot in der kleinen Küche, mit dem Rücken zu mir. Dann wünschen wir uns gegenseitig eine gute Nacht. Sie geht nach drüben in ihr Zimmer im Aufgang 1. 

Dort ist der Gemeinschaftsraum abgeschlossen, erzählt sie mir gestern Abend. Dieses Mal sitzt sie mit mir an einem Tisch. Ich stelle ihr Fragen. Sie beantwortet jede. Dann stellt sie mir Fragen. Ich beantworte auch jede. Meistens blickt sie auf den Boden, nur selten schaut sie mich an. Dass ich im November nach Madeira zurückfliege, ist für sie ein Thema. Sie hat noch nie in einem Flugzeug gesessen.

"Und was machst du morgen?", fragt sie.

"Ich gehe zum Maschsee-Fest", antworte ich.

"Kann man da auch hingehen, wenn man kein Geld hat?"

Montag, 7. August 2023

Altkreis-Tagebuch (50)

 

Alle staunen: Schiedsrichter
hat ein Foul gesehen.
Foto: Heinz-Peter Tjaden

Der Sonntag, an dem Helmut staunt

"Das gibt es doch gar nicht."

Helmut, 79 Jahre alt, Burgdorfer, bleibt in der offenen Tür zum Gemeinschaftsraum stehen. Er traut seinen Augen nicht. Volker (der Cowboy) liest einen Roman, ich sitze an meinem Reisecomputer. Fehlt uns eigentlich nur noch eine Frau, die häkelt. Kann auch ein Mann sein. 

Volker und ich teilen Helmut mit, dass wir uns sehr über den neuen Bewohner der Unterkunft Drei Eichen 1 A freuen. Dieses Mal traut Helmut seinen Ohren nicht.

"Hier gibt es keinen neuen Bewohner."

"Doch", versichere ich ihm. "Wenn der Hausmeister einen neuen Besucher ankündigt und deswegen meine Sachen schnappt, um sie woanders zu lagern, dann kommt auch ein neuer Bewohner. Der ist seit Montag hier. Daran willst du doch wohl nicht zweifeln."

Den Nachmittag beginne ich in Hannover im Waterloo-Biergarten und anschließend in dem 96-Fanlokal am Stadion, denn die Roten spielen in Nürnberg, wo der Schiedsrichter ein elfmeterreifes Foul sieht, das nur er sieht. Vielleicht sollten wir den in die Unterkunft Drei Eichen einladen. Dieser Schiedsrichter sieht bestimmt auch unseren neuen Bewohner...

Abends staunt Helmut wieder. Denn im Gemeinschaftsraum sitzt das verlorene Mädchen von nebenan (sie sagt, dass sie 19 Jahre alt ist und nicht L., sondern A. heißt), das sich Pellkartoffeln mit Hering schmecken lässt. Als ich sie frage, wovon sie sich sonst ernährt, antwortet sie: "Aus dem Müll." Diese Antwort schockiert nicht nur Helmut. 


Samstag, 5. August 2023

Altkreis-Tagebuch (49)

 

Mehr als das.
Foto: Heinz-Peter Tjaden

Kissen liegen immer woanders

"Liegt da mein Kissen?", fragt mich die grauhaarige Frau, die beim Gehen das linke Bein nachzieht.

Ich lasse mir vor der Stadtbibliothek in der Hildesheimer Straße meinen Milchreis aus dem REWE-Markt schmecken, der 200 Meter entfernt ist. Für das verlorene Mädchen aus der Unterkunft Drei Eichen in Burgdorf habe ich Fruchtsaft gekauft.

"Ich habe nichts zu trinken", hat sie gestern Abend gesagt. 

Die Stadtbibliothek und die Landesbibliothek in Hannover sind längst Treffpunkte von Rentnern und von Obdachlosen geworden, die sich dort auch die Zähne putzen. Der Kaffee aus den Automaten ist preiswert, die Zeitungen kostenlos. 

"Lag auf einem anderen Stuhl", sagt die grauhaarige Frau, die beim Gehen das linke Bein nachzieht in der Stadtbibliothek, während ich auf den Fahrstuhl warte, der mich in den fünften Stock bringt, wo ich auf meinem Laptop meine Texte schreiben kann. Wie diesen. 

Vor der Stadtbibliothek aufgefallen ist mir eine leere Pfandflasche vor einem der Abfallbehälter. Die gehört in Hannover zum gewohnten Bild. So erspart man Bettlern und Obdachlosen die Wühlerei im Müll. Menschlichkeit kann man auch mit kleinen Gesten ausdrücken. 

Donnerstag, 3. August 2023

Altkreis-Tagebuch XLXI

Das prunkvolle
Nebengebäude.
Foto: Heinz-Peter Tjaden

Ich zerhau dir dein Schloss

"Hau ab." Schreit das verlorene Mädchen L. aus der Unterkunft Drei Eichen in Burgdorf. 

Sie schreit und tobt in dem neuen Schloss des Adligen J. Sie verhaut das alternative Nachtlager von J. in einem der prunkvollen Nebengebäude des Obdachlosenheims. 

"Ich hasse euch alle." Schreit das verlorene Mädchen L.

Der Adlige allerdings ist gar nicht anwesend. Nach einer körperlichen Attacke des Mitbewohners, den alle den Cowboy nennen, hat er das alte Schloss aus Angst vor weiteren Schlägen verlassen. Meistens ist er mit dem Rad unterwegs (nach seinen Angaben legt er täglich bis zu 400 Kilometer zurück). Die Nächte verbringt er in dem prunkvollen Nebengebäude. 

"Uns ist das Problem bekannt", hat mir dieser Tage eine Mitarbeiterin der Diakonie-Tageswohnung über das verlorene Mädchen L. mitgeteilt. "Uns sind die Hände gebunden. Sie hat einen rechtlichen Betreuer."

Worum sich dieser rechtliche Betreuer kümmert, während das verlorene Mädchen immer wieder ausflippt, verrät man mir nicht. Mir gegenüber verhält sich L. stets freundlich-schüchtern. Ich kaufe auch schon für sie ein. Das ist jetzt der Tageswohnung der Diakonie auch bekannt. 

3. August 2023. Helmut berichtet mir, dass er mit dem "verlorenen Mädchen" im Gemeinschaftsraum geplaudert hat. Schreie sind von ihr seit einigen Tagen nicht mehr zu hören. Wahrscheinlich sitzt sie in ihrem Zimmer und hört Musik aus dem Radio, das ich ihr geschenkt habe...